Hören. Lesen. Schreiben 25. So nicht!

So kann es nicht weitergehen. Der Text liegt da so herum wie ein Haufen Elend. Begonnen vor fast vier Jahren, mit glühendem Eifer zum Wachsen verleitet, zum Hervorbringen neuer Äste, zurechtgestutzt, glattgebügelt, aufgelockert.
Immer wieder hab ich ihm Ruhe vergönnt – auch im Schlaf ist das Gehirn rege – ihn wiederbelebt, befruchtet mit Exkursen, Volten und einer entsetzlich wirren neuen Person. Hinterlistige Stolpersteine und locker-Atmosphärisches wurden ins Spiel gebracht, das vor allem Ernst sein soll.
Und? Jetzt? Text will nicht mehr. Stagniert. Stellt sich tot. Weiß viel besser als ich, dass an diesem vorläufigen Endpunkt etwas ganz anderes Einlass finden muss. Ein neuer Tonfall. Erzeugt von neuen Instrumenten. Neue Form für ein noch neueres Gefäß, in dem es gefälligst gären soll.

Warten ganz doof.
Der Blitz soll einschlagen!
Schicksal, herbei!
Mühsal, Labsal auch.
Mehr Disziplin.
Noch viel mehr Kaffee.
Dann schaumamal.

Hören. Lesen. Schreiben 23 RADIOmultiHÖRENmedia

Radio ist großartig. Mensch hört zu, kann nebenbei was tun, vielleicht sogar Notizen zum Gehörten hinkritzeln, ohne wie beim Fernsehen spannende Szenen zu versäumen.
Radio war immer schon Groß. Einer meiner Onkel hatte ein wenig Physik studiert und bald auf Bastler und Eigenbrötler umgesattelt. Er begleitete das Radio von dessen Kinderschuhen an bis zur frühen Reife. Bei ihm daheim, wo auch Eltern und Geschwister wohnten, sollten sich Drähte quer durch die Räume gespannt haben, und irgendwo in einem Kämmerchen knisterte es. Ein Apparat auf dem Fensterbrett gab Geräusche, manchmal auch Klänge von sich…
Jahre später war es die Gewohnheit meiner Mutter, dicht neben dem Radio zu sitzen, zu nähen, zu stricken und mich vergebens ins Bett zu schicken.
Inzwischen bin ich es, die Radio hört und nebenbei Löcher in edlen, englischen Socken stopft.
Hat sich in all den Jahren nichts verändert?
Fernsehen wurde erfunden, hallo!
Hab’s ausprobiert und als nicht für mich geeignet befunden. Alles zu schnell, zu bunt und flüchtig.
Auch Internet trat in mein Leben, auch großartig. Natürlich ganz anders als Radio:

Ich höre eine der Opernsendungen (Lieblingsmoderator M. B. Seine Begeisterung vibriert in jedem Wort. Sänger, Dirigenten aus Gegenwart und Vergangenheit werden weihevoll durch den Äther getragen.): Arien zum Niederknien. – Intro für einen neuen Dirigenten. – Hommage an begnadete Stimme aus der Vergangenheit:
Ich ins www, Fotos suchen, Bio nachlesen. Gibt es neue, alte CDs, Vinyls dieser Person, von jener Première?

Vor drei oder vier Jahren…Radio spielt nebenbei, doch ich denk mir diese Musik macht glücklich. Und  hör genauer hin: Mozart. Ich ins www, „M.“ und „glücklich“ googeln. Fundstück: Hans-Josef Ortheil Das Glück der Musik; Vom Vergnügen, Mozart zu hören (luchterhand)

Hörspiel sowieso, kann man auch nachhören am PC, danke. Und noch mehr Literatur, manchmal zum Glück unbekannt: Roadmovie in feinster, gut 60 Jahre alter Prosa? Mehr davon. Forschen im www, auf amzon, aber dann doch in der Buchhandlung meines Vertrauens kaufen.

Radio to-tal wunderbar. Wenn nicht grad diskutiert wird, ergebnosUNoffen, mit pubertierenden Stimmchen als Informanten, altklug und jung festgefahren.
Tut das weg. Bitte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hören. Lesen. Schreiben 22. Buch. Buch! Buch?

„B ü c h e r  s i n d  g u t e  F r e u n d e.“ –
Nein!
Freunde liegen nicht neben der Kaffeetasse herum.
Freunde trägt man nach Benützung nicht in die Tausch-Box, und man stellt sie nicht ins Regal.
„B ü c h e r  b e g l e i t e n  d i c h  d u r c h s  L e b e n.“
Durch sehr, sehr überschaubare Lebensabschnitte.
Begleiten: Nur als Zerstreuung beim Bahnfahren. Sonst verharren sie in eher statischem Zustand, wartend auf Beachtung.
„B ü c h e r  t r a g e n  z u r  B i l d u n g  b e i“, die man schnell wieder vergisst.

Sehr geschätzte Bücher öffnen für mich ihre Seiten mit der Einladung, die Wesen kennenzulernen, die hier wohnen.
Wirkung: Erleben durch MitErleben. Empathie. Rollenspiele. Denken, denken: Was geschah davor? Was wird sein? Film im Kopf, der sich weiterdreht, bevor er, überblendet vom immer ganz nützlichen Aktionismus, nur noch kurze Zeit im Leerlauf surrt und endlich eine Ruh gibt.

Sehr geliebte Bücher aus meiner Vergangenheit dufteten nach Kinderbibliothek, hatten zerfledderte Buchdeckel und oft ein Tier aufm Cover. Assoziationen aus der Zeit danach: Sofa. Äpfel. Spannung. Unsichtbarwerden vor der drohenden Mithilfe im Haushalt.

Wunschbücher für die Zukunft:
Unerwartete Begegnungen – Überraschungsmomente – Gefangenwerden durch geglücktes Design. – Zeit zum Blättern – Zwei, drei Sätze lesen: noch eine Begegnung. Da sind auf einmal Menschen, mit denen zusammenzutreffen man nicht mal gewagt hätte, das zu erhoffen – Sprache: neu im alten System – Hände: halten das Buch fest. Loslassen nur, um weiterzublättern. Und den Schatz einzusacken.
Zwecklos: Kaffee und Kuchen dazu.
Buch allein = Genuss + Herausforderung.

Hören. Lesen. Schreiben 21. Zwischen zwei Texten die Maus

Text fertiggestellt. Befreiung. Belohnung. Pizza. Chillen. Großes Nichts im Hirn.
Die wirklich wichtigen Dinge erlangen wieder ihre Bedeutung: Spinnweben von der Decke kehren. Gatter reparieren. Kaputte Sägeblätter aussortieren. Jäten, jäten, jäten. Schokolade.

Nach ein paar Wochen  Tagen Stunden macht sich Unruhe breit: Großes Nichts auf dem Schreibtisch sieht nach Trägheit aus. Das soll nicht sein. Irgendwo liegt die Mappe mit den Entwürfen. (Datei im PC: Lösch-Taste zu verlockend) Einfach mal drin blättern. Das verpflichtet zu nichts. Das ernüchtert. Das verlangt nach viel strengeren Kriterien als bisher für alles, was sich in der Mappe findet:

o) Wirres Zeug. Wer hat das hingekritzelt? – Ich?
o) nicht mehr aktuell
o) Zielgruppe…?
o) unleserlich
o) Thema wurde schon von anderen abgearbeitet. Muss ich nicht mehr.

Und da finden sich auch lose, irgendwo herausgerissene Seiten, vollgeschrieben mit einer unsäglichen Story, aber ein Absatz mittendrin packt mich, zwingt zum Weiterspinnen, liegend im Dämmerlicht, das Raum schafft für alles Mögliche…, bis ein Geräusch mich aufschreckt, bistugscheit, das ist die MauseLebendFalle, aber die war ja nicht scharf, nicht gefüllt, weil Maus es wochenlang geschafft hat, den Köder zu fressen, ohne gefangen zu werden.
Doch, das Geräusch kam von der Falle.
Genau daneben sitzt die Maus und schaut mich an,
rüttelt an der Falle, schaut mich an, rüttelt – schaut –rüttelt –schaut – rüttelt und verschwindet hinter der Sesselleiste.
Muss wirklich schlimmen Hunger haben, wenn sie sich aus dem Versteck traut. – Ich tu also ein Stück Müsliriegel in die Falle, nein, ich stecke es an den Spieß, der mit der Tür verbunden ist, und warte.
Minuten später ist die Maus gefangen und beim Komposthaufen ausgewildert.

Jetzt über Text und Thema und Form nachdenken?

Denken, ja: Haben Mäuse einen Sinn für wenn – dann? Können Mäuse Situationen aus der Vergangenheit so einschätzen, dass sie daraus Schlüsse auf Verhalten-in-der Zukunft ziehen? Besitzen Mäuse überhaupt eine Art Wissen über Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft? Durch welche Eindrücke (in früheren Häusern) glauben Mäuse, mensch dressieren zu können? Und woher, verdammt, wusste die Maus, dass sie den Köder wahnsinnig vorsichtig fressen muss, um nicht gefangen zu werden?

Genug.
Hab zu tun.
Mein Entwurf hatte mit nächtlicher Stille zu tun, in der von einem fiktiven Bahnhof die Geräusche von quietschenden Güterwaggons herüberdringen, mit Melancholie und der beruhigenden Möglichkeit, zu verreisen.

Was kann daraus entstehen?

Leben Mäuse auch im Großraum Bahnhof? Zwischen den Gleisanlagen von Verschubbahnhöfen? Wen dressieren sie dort? Was für ein Sensorium warnt sie vor herannahenden Zügen, verrät ihnen die Richtung und sagt ihnen: Flucht oder leg-dich-platt-auf-die-Erde? Das potentielle Wissen um Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft wird ev. von schattenhaften Eindrücken wie Kleingartensiedlung – Bereich Stellwerk/Süd – Güterwaggon Richtung Venedig bestimmt? Und: Wie organisiert Maus den Familiennachzug?

Ich hätte noch viel mehr zu überlegen.
Geht aber nicht.
Hinter einer Sesselleiste wird Holz zu Sägespänen verarbeitet…

Hören. Lesen. Schreiben. 20. Habe ich nicht versprochen,

bald über eines, über das eine Hörspiel zu schreiben, das in meiner Wertung ganz oben liegt?
Das gibt es natürlich nicht, auch nicht gänzlich subjektiv.
Aber, woran ich mich immer gerne erinnere:
„Ooops, wrong Planet!“ ,
eine Sammlung von O-Ton-Aussagen von Menschen mit Aspergersyndrom über sich selbst und die Welt. In einer Art Kunstsprache, die sowohl deren Befindlichkeit deutlich macht, als auch das trotz-allem-Bestehen in der Welt respektvoll aufrollt, kommen Zwillinge, eine Ärztin und ihre Mutter und ein junger Mann mit Faszination für Vulkane zu Wort.
„Typisch autistisch?“ – Vielleicht. Doch ohne Denunzierung, ohne Kränkung.
Situationskomik hier und dort macht das Hörerpublikum lächeln – unmittelbar darauf ereilt es ein unausgesprochener Apell ans Mitgefühl. Kalt, heiß, niemals lau. Und dazwischen Musik.
Das Ende – das vorläufige Ende im Leben der realen Personen hinter der Produktion – kommt zu früh. Noch mehr von diesen so unterschiedlichen Häppchen aus einer anderen? Welt wünschte sich die begeisterte Rezensentin.