Lesen. Hören. Schreiben. 45 Der gute Ort

Da war eben noch der Plan für den neuen Text: Sauberer Plot, aktuelles Thema, interessante Personnage.
Aber,
ein noch viel neueres Thema hat sich wichtig gemacht und das nicht-mehr-so-neue überholt. Vor Ehrgeiz funkelt es in Tannengrün und Fichtengrün, tarnt sich nur unvollkommen hinter Flechtengrau, rauscht und singt und rollt ein unsichtbares Banner auf:

S c h a u p l a t z  W a l d
Unter-Überschrift: Fühlst du dich nicht schon total motiviert?

Doch!
Wald ist gut.
Wald ist Ruhe inmitten von Lebendigkeit.
Wald ist hell und dunkel. Abend dämmert und tut, als wär’s schon Nacht. Fort mit den Gästen!

Mein Wald steckt voller Ungewissheiten. Das Licht, das durch die Kronen fällt, spielte eben noch mit seiner Quelle aus Sonne? Oder fiel nur matt durch Wolken? Von meinen Haaren, in Spinnweben verfangen, bis zu den Füßen –in-Brombeerhecken: Wald rückt zu nahe? Wald grüßt mich auf seine vorwitzig-hintergündige Weise?

Wald-Abenteuer-harmlos, beim Versuch, mich wenigstens einmal, schon frierend, ein wenig zu verirren: Nichts zu machen. Wald schützt mich. Wald wärmt.

Ich hab noch nie einen Baum umarmt. Bin aber sicher, dass Wald mich umgarnt. Mich daraus befreien?
Wie denn. Wald macht, dass ich seine Lebendigkeit in Ameisennähe und schaukelnden Kronen spüren kann (ohne zu stören), als riesiges Auge-Ohr-Haut-Wesen voll mitfühlender Neugier.
Unsichtbar-Werden im Wald?
Nein. Unsichtbar werden kann ich an jedem Ort, wenn ich es will.

Lesen. Hören. Schreiben. 44 Lachen nach dem Lunch

Was beim Lesen innehalten und vor stillem Vergnügen leise lachen lässt, steht unauffällig zwischen anderen unscheinbaren Worten im Text, klingt einfach und ist doch schwierig zu „konstruieren“. Nur, wenn es konstruiert klingt, ist es auch schon verkehrt.

Ungefähr so schreibt Thomas Mann über ein Zusammentreffen in kleinem Rahmen:
…nach dem Lunch beordert Potiphar Joseph zu sich, zur Unterredung in der Loggia…
In Ägypten!
Hab von den Seiten danach nur wenig mitbekommen, laut und leise kichernd, und nicht nur seit damals frage ich mich immer wieder:
Wie funktioniet subtiler Humor?
Kann man ihn definieren, klassifizieren, nach seinem Ursprung forschen?

Unvollständige Aufzählung:

o) Zitat eines Person an anderer, überraschenderweise genau passender Stelle wiederholt

o) Übertreibung, nur wenn genial, vereinzelt an ungewöhnlichem Ort, und frisch erfunden.

o) Als Dialogpartikel. Nicht plätschernd, sondern avec ésprit.

o) Wo?
. Wo es locker zugeht.
. Wo eine ernste Situation dringend ein Ventil ins Lächerliche braucht.
. En passant. Humoristisches Einsprengsel lauert am Wegrand und überfällt LeseWanderer aus der Allee der ernsten Worte.

o) Minimalhumor durch Adjektiva, die, aus Gewohnheit einem anderen Spektrum an Substantiva zugeordnet, im konkreten Fall aber an den neuen Bestimmungsort versetzt werden und ein ebenfalls ebenfalls minimales Was? Wieso? Das geht aber gar nicht bewirken.

Nicht Lachen, sondern Lächeln machte mich die ernste! Rede des neuen Außenministers der USA und zauberte zwar nicht Genugtuung, doch immerhin einen Hauch von subversiver Hoffnung auf mein Antlitz.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lesen. Hören. Schreiben. 43 Nun zu etwas ganz Anderem

Der frisch abgearbeitete, optimistisch fortgeschickte Text ist zu unpolitisch geraten. Grob ausgedrückt: zu affirmativ.

Im neuen Roman läuft alles anders:

Die politischen Zustände müssen nicht benannt werden. Aber, meine Personnage ist hellhörig / misstrauisch oder gutgläubig / von unabhängigem Geist / zielbewusst und furchtlos / und auf keinen Fall korrupt, und das, was als Schattenspiel von mächtigeren Mächten auf sie fällt, macht nicht Angst, nicht Hoffnungslosigkeit, sondern ist Ursache für neue, unerwartete Stärke –

Hat irgendwann irgendwer behauptet, wir lebten in verkommenen Zeiten? – Die Zeit kann nicht verkommen. Nur , ich schätze mal, einigen Hundert von denen könnte ich absolute Verkommenheit zusprechen. Der unaufgeklärte Rest windet sich unter den Zuständen, erzeugt aus Groll Krebsgeschwüre, flieht oder betrachtet Heckenrosen am Waldrand.
Mein neuer Text sucht seine Irrwege, verwickelt sich in Verstrickungen, findet zerkratzt wieder raus, und immer so weiter, bis die Protagonisten ihm in die Suppe spucken.
Alles wird besser, interessanter und vielviel schöner.
Ein Verprechen, das man kennt…aus der Politik.

Lesen. Hören. Schreiben. 42 Die Große Suche

Wieder ein Buch ausgelesen, und noch nichts Neues bereit fürs Lese-Essen zum Kaffee. Losziehen und Kaufen unmöglich, weil immer noch vergrippt, ein Zustand maximaker Toleranz mit mir selbst: Tagespensum auf ein Minium abgesenkt, ruhen statt machen. Die Entfernungen entfernen sich. Komposthaufen, ohne geeignetes Equipement und Fitnessplan nicht zu bewältigen. Supermarkt liegt auf dem Mond. Buchhandlung noch ein Stück weiter.
Also in den Bücherregalen suchen, was bei zweiter, dritter Lektüre immer noch Genuss verspricht.
Es sind Bücherkisten, neben- und übereinander gestapelt. Leicht auszuräumen und neu zu sortieren. Spinnen und ihre Netze haben nicht viel Zeit, es sich zwischen zwei Ordnungsangriffen häuslich einzurichten.
Jetzt aber die Suche: Hildegard-von-Bingen-Kochbuch lasse ich links liegen. Um zu doch-wieder-Thomas Mann zu gelangen, muss ich Shakespeare umlagern – keine rauschenden Verse mit zu viel gehaltvoller Komplexität, bitte, und, nein, Königliche Hoheit kenne ich zu gut, die Erzählungen klappen sich bestimmt bei Mario und der Zauberer auf: das düsterste Oevre v. Th. M., bitte nicht mit mir. – Weiter, die weißen Nächte mit Cover zum Eintauchen bringen auch gleich die Erinnerung an das seltsam-indifferent-frohe unhappy end mit sich, und Tschechov bewahre ich mir für Lesestunden ohne Kafeejausn. – Vielleicht sollte ich Kaffee und Mehlspeis genießen, ohne durchs Lesen abgelenkt zu sein? Wertschätzung und Dank für alle, die mitgholfen haben, von Kaffeeplfückerinnen bis zur Supermarktangestellten? Nicht jetzt. Jetzt Lese-Essen. Mit Buch. Aus der der Musikabteilung? Mozart-Briefe zu chaotisch? Doch da, ein fast nie konsumierter Schatz, bereitgelegt für willhaben. Gierig greife ich danach:
Im Palast der Gefühle, Erfahrungen und Enthüllungen eines Wiener Operndirektors, v. Claus Helmut Drese. – Warum? Weil das Spinnen von Intrigen, die nicht mich meinen, eine vergnügliche Art von Spannung erzeugt? Genau richtig für Leute, die Krimis als Häufung von Negativismen bezeichnen? Weil das Buch eine Zeit aufleuchten lässt, die in ihrer öffentlichen Wertschätzung für Oper vor Kultur-und Finanzierungskämpfen nicht zurückschreckte? Und ja, damals habe ich tatsächlich den Wiener Taxifahrer mit Kenntnis der Opernszene erlebt, es war die kürzeste Reise zum Südbahnnof, der Zug pünktlich, die provinzielle Provinz fern. Gestern, heute, immer.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lesen. Hören. Schreiben 41 Kluge

Oft gehörter Rat @ Menschen, die schreiben wollen:
„Erzählen Sie einfach eine Geschichte.“
Noch ein Rat: „Erzählen Sie vom Leben.“
Immer, wenn ich Geschichten des Autors, Gelehrten und Filmemachers Alexander Kluge lese, fühle ich mich hinterher klüger. Zum Weiterdenken verführt. Aufgeklärt über einige der unübersehbar vielen Details zum  Thema Leben, obwohl er selbst savon sagt: „Die Geschichten sind teils erfunden, teils nicht erfunden.“
Kann man es – auch – so ausdrücken?:
Kluge schreibt nah am Leben?
Ich als Leserin muss nur einen kleinen Schritt tun, um mittendrin zu landen in seinen Geschichten, Reportagen, seinen Verknüpfungen von Details, die zu unerwarteten Ergebnissen führen. Aus seinen Zeilen rufen Anteilnahme und Neugier. Kombinationsgabe und Kreativität stellen sich in den Dienst von Wissen.

Und? Konsequenzen für das, was ich schreiben möchte?
Ja: Weil nah am Leben eine der Voraussetzungen ist, Interesse zu finden.
Nein: Weil ich meinen Plots folge. Glaub, sie gehören weder in die Abteilung Fiction noch zu den realitätsgebundenen Berichten. Wenn eine meiner Personen aus Laune und Notwendigkeit den Boden der Wirklichkeit verlässt, verhält sie sich ausschließlich an ihre eigene Persönlichkeit gebunden und fragt nicht nach Naturgesetzen. Das möchte ich respektieren. Die Form, die alles gestaltet und umschließt, müsste unendlich wandelbar sein. Dann gut.